Sooo... wo war ich stehengeblieben?
Bevor ich nun ab morgen zwei Wochen lang vom Blog abwesend sein werde, sollte ich den Salvadorbericht wohl noch schnell hinkloppen, weils sonst gar nicht mehr dazu kommt...
Also: Sonntagmorgens um 8 Uhr ging es am Campus los, ich traf die Truppe Ausländer durch die ich an die Reise gekommen war (6 Argentinien, 1 Urugay, 1 Paraguay, 1 Spanien) und zusammen bestiegen wir den Bus, wo ich zunächst versuchte, für die Bildtheorie-Klausur zu üben, was sich als unmöglich herausstellte, sobald die ersten Cachaca-Mischungen kreisten und die Stimmung von laut zu Lieder grölend überging. Leicht bedröhnt verlief dann der Rest der Reise schwankend zwischen Party machen und schlafen, gerne in halbstündlicher Abwechslung. Passenderweise gab es zwischendurch eine Reifenpanne und wir durften uns eine halbe Stunde lang kleine Hundewelpen und Hühner angucken, die bei dem KFZ-Mechaniker rumliefen... Abends wurde von einer der Reiseführerinnen (*hüstel*) eine kopierte Spongebob-DVD und ein Pink Floyd Konzert gekauft, ersteres wurde gekauft und eingelegt, womit wir für die nächsten zwei Stunden damit beschäftigt waren, zu versuchen, die Quietschstimmen gegen den Buslärm zu verstehen, was schließlich dazu führte, dass wir einschliefen.
Morgens in Salvador angekommen fuhre wir erst mal am Meer vorbei, was schon unheimlich schön war, dann zu unserer Unterkunft, die, wie sich herausstellte, aus zwei Fußball- und einem Basketballplatz bestand. Die Leute waren alle sehr nett und nahmen uns freundlich auf, auch wenn man sofort am Zustand und der Vorbereitung der Organisatoren merkte, dass die Woche einige Terminverschiebungen und andere kleinere Problemchen erleben würde.
Hochmotiviert wie ich nun mal bin schlug ich mein Zelt mitten in der prallen Sonne auf dem steinharten Asphalt unter dem Basketballkorb auf (Rasen war keiner mehr frei). Wohlbemerkt hatte ich weder eine Isomatte noch eine Decke zum Unterlegen dabei. Mein Rücken entwickelte dementsprechend in den Nächten ein Eigenleben, was ich morgens zu spüren bekam. Ich habe mich noch nie so sehr auf eine stinknormale Matratze gefreut wie bei meiner Rückkehr...
STROMAUSFALL FÜR DREI STUNDEN
Wie ich diesen geregelten Tagesablauf liebe, hier... wenn es gewittert, gibt es meistens Stromausfall und dann lässt sich eben gar nix mehr machen. Daher hab ich leider auch gar keine Zeit mehr, weil ich bald ins Bett muss und noch genug Sachen zu erledigen/organisieren habe, bevor ich mich morgen Abend für zwei Wochen vom Blog verabschiede :)
Daher die Kurzzusammenfassung:
Die Tage verliefen sehr unterschiedlich, meistens waren kleine Ausflüge an diverse Strände mit inbegriffen, geregnet hat es die ganze Woche lang nicht ein mal. Erfrischung brachte stets ein Augua de Coco (also eine eisgekühlte Kokosnuss, mit der Machete aufschlagen und Strohhalm rein). Angefreundet hab ich mich mit einem unheimlich netten Typen (Jairo) aus Ouro Preto, der mich am ersten Tag gleich mit durch die Stadt geschleppt hat um Besorgungen zu machen (Plane, Vorhängeschloss), am ersten Abend mit mir Capoeira gemacht hat und mir am zweiten Tag daraufhin einen Capoeiraumhänger als Andenken geschenkt hat. Der war total niedlich.
Eine weitere sehr nette Bekanntschaft war Miguel, ein Sciencias Sociais Student der UFMG, wir haben einiges zusammen unternommen und uns immer gut verstanden, seit dem aber komischerweise nicht mehr in der Uni gesehen, aber das kommt sicher noch.
Abseits davon habe ich mich auch mit den andern Studenten der Belas Artes sehr gut verstanden, wobei da allerdings nicht unbedingt Freundschaften entstanden sind, einfach nur ne schöne Zeit. Am Meisten hab ich mit den Südamerikanern und der Spanierin gemacht.
Wo war ich? Zwei mal im Centro Historico, zig mal am Strand, viel dazwischen... die Stadt Salvador ist einfach unheimlich schön, sehr bunt, überall Graffiti und Kunstwerke an den Wänden, die Leute sind viel freundlicher als in Belo Horizonte und generell offener...
Paradebeispiel dafür war ein Künstler (Edvon), der uns im Centro Historico seine Drucke von Holzstichen gezeigt hat und sich dann mit uns anderthalb Stunden auf den Bordstein gesetzt hat, um uns seine Lebensgeschichte plus die Geschichte der Geschichte und Kultur Brasiliens, bzw. Salvador zu erzählen. Auf jede Frage eingegangen, einfach nur glücklich, uns etwas erzählen zu können. Der war 76 und sah aber mehr nach 45 aus, nach eigenen Aussagen hat er über 20 Kinder mit ebenso vielen Frauen, die aber alle glücklich verheiratet sind...
Das interessante war für mich halt, dass ich der festen Überzeugung bin, dass dieser Mensch uns eben nicht einen vom Pferd erzählt hat, um uns seine Bilder zu verkaufen (er hat bis zum Schluss nicht gefragt, ob sich jemand für seine Zeichnungen interessiert), sondern einfach gerne mit uns redet, weil er seine Erfahrungen und seine Lebensweise auf die jüngere Generation übertragen möchte. Das mag gerade für die Leute, die in Deutschland leben, komisch klingen, ist aber absolut nachvollziehbar für diese Person in diesem Land. Das ist eine dieser Sachen, die ich so toll finde an Brasilien - Sowas gibts nicht in Deutschland. Ich hab ihm übrigens einen Druck abgekauft (beziehungsweise, etwas gespendet, er meinte ich solle ihm geben, was ich für richtig halte, als Student hätte ich ja nich viel Geld und er hätte eigentlich alles was er braucht), der jetzt hinter mir an der Wand hängt.
Sorry für die harten Themenwechsel aber meine Zeit drängt. Das Essen war jeden Tag in Ordnung, gerade für den Preis völlig ausreichend und verhältnismäßig lecker, auch wenn es JEDEN TAG, so wie in Brasilien üblich, Reis und Bohnen gab mit variierenden anderen Sachen.
Randbemerkung: Ich hätte mir nie träumen lassen, kalte Duschen so genießen zu können.
Randbemerkung 2: Ich hätte mir nie träumen lassen, trotz relativ laschem (aber doch verantwortungsvollem) Umgang mit meiner Sonnencreme der einzige zu sein, der keinen Sonnenbrand bekommen hat. Trotz zig Stunden in der Sonne pro Tag, teilweise auch ohne Protektor. Naja, anderthalb Stunden Basketball in belo gespielt und schon hab ich meinen ersten Sonnenbrand abgeholt...
Die Atmosphäre im Allgemeinen lässt sich von diesem Event nur mit einer einzigen Hippie-Woodstock-Künstlertreff-Vereinigungs-Party beschreiben. Es gab A-N-D-A-U-E-R-N-D irgendwelche spontanen Theateraufführungen verschiedenster Gruppen zwischen den Zelten, die teilweise sehr abgedreht mit Farben sich beschmierten und ihre Stücke zu späteren Zeiten auch noch mal richtig offiziell machten. Mein persönliches Highlight: Eine Frau mit Trillerpfeife, die sich in minutenlangem Kampf auf dem Boden herumwälzt, ab und zu in die Pfeife bläst und dabei langsam zwei Vogelkäfige zerdrückt. Genial :)
Musik war sowieso ununterbrochen vorhanden. Wenn nicht grad im Zirkuszelt Led Zeppelin oder brasilianische Folkbands aus den Boxen schallten saßen zu jeder Zeit in irgendeiner Ecke Leute mit Musikinstrumenten und spielten drauf los. Was aber auch schon eher für Brasilien typisch ist als für das Event, sobald sich in diesem land irgendwo Musikinstrumente befinden und Leute, die gerade nichts anderes zu tun haben (und das hatte man auf dem Event nicht), dann wird gespielt.
Samba gab es sowieso jede Nacht richtig groß, die Woche über haben einige Bands gespielt und die Party ging steil, wie man so schön sacht.
Eine letzte Bemerkung zum "eigentlichen" Grund des Events: Der Unterricht: Das ganze war so organisiert, dass man nur einen Kurs machen konnte, der dann drei Tage je zwei Stunden war. Ich hab den Stencil-Kurs gemacht. Am ersten Tag haben die Lehrer anderthalb Stunden verspätung und Labern nur ein wenig Theorie über Graffiti und Stencil. Am zweiten Tag verpeilen wir die Raumänderung und kommen zu spät, fangen dann mit unseren Stencils an und mir fällt nach kurzer Zeit ein sympathisches Motiv ein, das ich machen möchte, also mach ich mich an die Arbeit, dank ein wenig Erfahrung in dem Bereich war ich auch recht schnell fertig und sprüh den Stencil gegen eine Hauswand. Zufrieden lehnt sich Milan da Vinci zurück um sein Werk zu betrachten, als eine nette Hippiefamilie ihn anspricht, ob sie das Motiv wohl auf ihr Auto haben könnten, das fänden sie so schön. Vor Stolz quasi platzend sprüh ich ihnen den Kotflügel also mit meiner Blume und dem kleinen Bengel zu. Und kauf am Tag darauf bei denen ein Armband am Stand, um auch ein Andenken zu haben...
Später mach ich noch die zweite Version mit der Biene, aber wir haben keine Sprayfarbe mehr und ich muss diesen Stencil aufmalen. Am dritten Tag bleiben dann quasi gar keine Materialien mehr übrig, ich klaube mir ein wenig Pappe zusammen und entwerfe die "Auflösung" meiner kleinen Stencilreihe, einen Riesenjungen, der auf eine Miniaturstadt herunterblickt... da aber keine Farbe mehr da ist und die Transportbedingungen nicht gut waren, landet dieser Entwurf am Abfahrtstag leider im Müll... insgesamt waren die Oficinas also eher ein Reinfall, von meiner Seite aus jedenfalls, da ich nichts gelernt hab. Macht aber nix. Die Woche war absolut perfekt, ich hab jetzt schon Riesenlust, wieder nach Bahia zu fahren. Wollte am Ende kaum weg...
Falls ich noch irgendwas vergessen habe, setze ich das morgen eventuell noch hinzu.
Die Links zu den Fotos und Videos aus Salvador (viele mit Beschreibungen) sind rechts in der Leiste. Meine Kamera hab ich zu vielen wichtigen Ausflügen natürlich wieder im Zelt liegen lassen, aber die Speicherkarte war am Ende trotzde voll ;)
Donnerstag, 15. Oktober 2009
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