Wo soll ich anfangen...
Die letzten Tage waren sehr durcheinander, ich wollte so viele Leute verabschieden und war aber auch gleichzeitig angenervt von vielen, die sich komplett unflexibel gegeben und so ein letztes Treffen unmoeglich gemacht haben...
Ich kann meine Gedanken zu BH auch nicht wirklich in Worte fassen gerade. Es schwimmen so viele Emotionen und Gedanken mit, zum ersten mal in meinem Leben verlasse ich einen Ort der mir ans Herz gewachsen ist, ohne genau zu wissen, wann ich wieder zurueckkehre. Das ueberfordert mich ehrlich gesagt ein wenig. Ich habe in den letzten drei Tagen vorm Abschied viel geweint, vor allem nach einem schoenen, ruhigen Abend mit zwei Freunden, einen davon hab ich eigentlich erst kuerzlich kennengelernt... und beim Abschied zieht er ein Buch aus seinem Regal, sein Lieblingsbuch, brasilianische Gedichte, schreibt mir ne superniedliche Widmung rein und schenkt es mir... ohmann.
Als ich dann alle verabschiedet hatte und auf dem Weg zum Bus war, ist dann irgendwie die meiste Traurigkeit schon verflogen, mein Travelling-mindset (mangels eines treffenderen Namen) hat sich eingeschaltet, der Blick ging nur noch nach vorn. Im Bus habe ich mich gleich wieder gefuehlt wie bei meiner Reise nach Argentinien und Chile, die Welt entdeckend... die einzige stetige Erinnerung an das Hinterbliebene war mein wiederholtes Zucken, gefolgt von dem Griff an die linke Hosentasche, weil ich meinte, das Vibrieren meines Handys verspueren zu koennen, welches sicherlich eine weitere Abschieds-SMS empfangen haette, dabei lag es schon lange ohne Guthaben und ausgeschaltet in meinem Rucksack...
Apropos Rucksack... ich habe zwar einiges zurueckgelassen, allerdings auf nichts verzichten muessen, was ich gerne mit mir genommen haette, und bin trotzdem sehr gut klargekommen mit dem packen, ein 19 Kilo Rucksack ist zwar schwer, bietet aber noch Platz fuer weitere Mitbringsel, besonders, da ich einiges an Kleidung in Cuba lassen werde... und ein guter Cachaca ist schon im Gepaeck :)
Bin also mit dem Bus in Rio angelangt und mir viel auf, dass ich weder ne Ahnung hatte, wie ich zum Flughafen komme, noch, wo er liegt, noch, welcher von beiden es ueberhaupt ist. Gluecklicherweise hab ich ja nen Mund, den ich zu benutzen weiss, und nach einigem Rumfragen habe ich dann wirklcih einfach nur einen oeffentlichen Bus und einen Colectivo nehmen muessen, also ca 2 euro bezahlt und wurde bis vor die Tuer gebracht :)
Leider hatte ich aus BH noch eine Grippe verschleppt, die mir dann in der Nacht beim Warten ordentlich zu schaffen gemacht hat. Es war definitiv die unschoenste Wartezeit meines bisherigen Flughafenlebens. Im Flugzeug habe ich dann groesstenteils geschlafen, gegen Ende dann ein aussergewoehnlich gutes Fruehstueck bekommen und Invictus im Bordfernsehen geschaut, bis mich mein peruanischer Sitznachbar angesprochen hat, er faende meine Jacke so toll (Danke, Phine!) und haette sie fotografiert, als ich schlief, ob ich ihm das uebel nehme und so. Natuerlich nicht, wir kommen ins Gespraech, ich beichte ihm, dass ich keine Ahnung habe wie ich in die Stadt komme oder wo das Hostel liegt, wo ich hin will (ich bin wirklich unglaublich unvorbereitet aus BH gestartet in der Hinsicht, aber das lag einerseits an dem Gefuehls- und Organisationschaos der letzten Woche, andererseits vor allem an dem Gefuehl, dass ich aus meiner Argentinien- und Chile-Erfahrung mitgenbommen habe: Je weniger man vorher weiss, desto besser wird es...).
Am Ende bietet mir der nette Alfredo also gleich an, mit ihm und seinem Sohn Alvaro das Taxi zu teilen, da er im Touristensektor wohnt und ich sicher genau da hin will. Also mach ich das. Fuers Taxi zahlen laesst er mich selbstverstaendlich nicht. Angekommen werd ich zu Tee und Fruehstueck ins Haus gezerrt und lerne die ganze Familie kennen. Total nett alle. Danach faehrt mich Alfredo zum Hostel und verabredet sich mit mir fuer Abends, damit ich seinen Neffen kennenlerne, der in meinem Alter ist. Also ich ins Hostel und schlafen, danach schaue ich mich ne Stunde im Stadtteil um, flirte ein wenig mit der Rezeptionistin und dann ist es auch schon Zeit zum Treffen, der Neffe von Alfredo ist zwar nicht dabei, aber dafuer zwei kolumbianische Studenten, wir gehen in eine Bar und trinken ein wenig und reden viel.
Am naechsten Abend treffe ich mich wieder mit Alfredo, wir fahren zum Haus seines Neffen, aber der ist nicht da, bzw. macht die Tuer nicht auf. Also gehen wir was essen. War schon ein wenig komisch, einen quasi fremden 49jaehrigen alleine zu treffen, aber wir haben uns super unterhalten ueber alles moegliche und erneut liess er mich nichts zahlen, obwohl wir echt gut gegessen haben und das Restaurant nicht gerade billig war. Im Verlauf des Gespraechs stellt sich heraus, dass Alfredo, wie koennte es anders sein, der Sohn eines bekannten peruanischen Schriftssteller (Enrique Congrains) ist. Noch passender: Selbiger Autor hat fast ausschliesslich ueber die Emanzipation der Frau in Peru geschrieben. Ihr koennt euch vielleicht vorstellen, wie absolut baff ich war, einen suedamerikanischen Mann aus der Generation meiner Eltern zu treffen, der sich selbst als Feminist bezeichnet, wo die meisten Maenner in der westlichen Welt noch derbe Probleme haetten, sich ueber dieses Wort zu definieren... :)
Naja auf jeden Fall war das Essen gut und der Pisco sauer (hahaha wer schnallt´s?) und ich zufrieden mit meiner Ankunft, da sich meine Grippe auch so langsam verfluechtigte, mein Immunsystem sich erholte und ich mich em Gegenzug nicht mehr so kalt fuehlte.
Ich merke grad, dass jeder Deutschlehrer mich fuer diesen Text koepfen wuerde, da ich keine einheitliche Zeit benutze, aber seis drum, entschuldigt mich, ich hab viel zu tun :P
Naja vor zwei Tagen hab ich eins der Buecher von Enrique Congrains gefunden und gleich gekauft, jetzt hab ich was spanisches zu lesen fuer die Tage. Bin auch viel ins Kino gegangen, nacheinander in Toy Story 3 (ziemlich gut), Despicable Me (wunderbarer Kinderfilm der etwas anderen Art), Knight & Day (sympathischer Film zum vergessen werden) und gestern Inception (genial. punkt.). Und heute erneut in Inception. Ja der verdient das :)
Ein groesseres Thema in letzter Zeit war Geld. Ich hab mir knapp 2000 Reais aus Brasilien mitgenommen und dann kurz nach meiner Ankunft in Lima bemerkt, dass es sein koennte, dass in Cuba keine Reais getauscht werden. War ich irgendwie voll nicht drauf eingestellt, auf so ein Hindernis zu treffen. Leider ist der Kurs hier von Real gegen Soles so grausam (Google sagt 1.6 Soles fuer ein Real, sie geben mir hier aber nur 1.3), dass mir enorme Geldverluste vor den Augen schwebten.
Inzwischen haben sich meine Email-Erkundigungen als fruchtbar erwiesen - anscheinend werden in Cuba wirklich nur europaeisches und nordamerikanisches Geld, sowie Mexikanische Pesos getauscht. Auf der anderen Seite gibt es hier auhc eine Citibank um die Ecke, die mir meine peruanischen Sonnen (Soles) direkt ohne Umtauschquotienten abtritt (allerdings, wie ich heute ueberraschenderweise feststellen musste, mit 5 euro abhebegebuehr grrrr). Demenstprechend hab ich heute 3000 Soles abgehoben und mir Euronen gekauft, lustigerweise hat mir die Bank sogar ein paar Euros MEHR gegeben, als mir Googles Umtauschrechner versprochen hat.
Und ich hab gleichzeitig zum ersten Mal einen 200 und einen 500 Euroschein in der Hand. Die Reais werd ich mit nach Deutschland nehmen und dann da zuruecktauschen. Bei dem Kellerflug des Euros koennte ich am Ende sogar Gewinn dabei machen, hahaha!
Naja, auf jeden Fall versuche ich auf diese Weise, ca. 1000 Euro mitzunehmen und damit klarzukommen, die Kreditkarte, die anscheinend immer noch nicht wirklich am laufen ist, ist dabei nur mein Notrueckhalt.
Ganz viel Dank an dieser Stelle an meine vier Eltern... genau in dem Moment, in dem ich am meisten am Verzweifeln war und befuerchtete, ca. 300-400 Euro im Geldwechselchaos zu verlieren, landeten auf einmal zwei Ueberweisungen auf meinem Konto, fuer "Hustensaft" und so... das klingt jetzt so, als wuerde ich euch nur fuer das Geld danken, aber viel wichtiger als das, war fuer mich einfach der Moment, in dem es kam. Ich hatte schon eine Mail geschrieben mit der Bitte an euch, mir Geld zu leihen, wollte sie aber noch nich abschicken und hatte sie erst mal in den Entwuerfen gespeichert... und dann lest ihr sie anscheinend, ohne dass ich sie abgeschickt habe :)
Ihr seid einfach immer da fuer mich!
In den weiteren Tagen werde ich nun vor allem kleinere Dinge fuer Cuba besorgen (Schnorkel, Wecker, Taschenlampe), Dinge, die ich verschenken kann und mich noch ausruhen und meine Reise planen. Ich werde am Flughafen abgeholt und freu mich wirklich schon wahnsinnig, mein LonelyPlanet ueber Cuba (Danke nochmal, Laura!) hat mir schon unheimlich viel beigebracht ueber das Land und die Einwohner und ich kann es kaum noch erwarten, selbst alles zu erleben.
Ich weiss nicht, was es sonst noch zu sagen gibt. Ich habe viele groessere Gedanken zu Brasilien und meinem vergangenen Jahr, fuehle mich allerdings nicht wirklich bereit, die auf dieser Plattform auszubreiten, weniger weil ich nicht wollen wuerde, mehr weil ich zu faul bin, vielleicht auch noch ein wenig zu traurig, die Zeit aufzubringen, ausgiebig darueber zu schreiben.
Ich werde viel vermissen in Deutschland.
Die wiederkehrenden Stromausfaelle.
Nicht zu wissen, wie viel Bier man an einem Abend getrunken hat, weil alles geteilt wird.
Die spontanen Konzerte mit Gitarre, Tamburin, Mundharmonika und Gesang im Gemeinschaftsraum der Uni.
Die Busfahrer, zu faul sind, an der Haltestelle auch wirklich anzuhalten und mich aus dem fahrenden Bus springen lassen.
Vor 3000 Zuschauern auf der Buehne mit der Band bei einem Open-Airkonzert Salsa zu tanzen.
Sich einfach um nichts Sorgen zu machen. Und naechste Woche naechste Woche sein zu lassen.
Keine Plaene machen. Improvisieren.
Und ein ganzes Jahr lang nicht ein einziges mal zu hoeren "Milan, sei mal ein wenig leiser"...
Aber nicht zu weit nach vorne zu schauen heisst in Brasilien auch, nicht zu weit nach hinten zu schauen.
Das Leben geht weiter, in ein paar Tagen schon erfuelle ich mir mit meiner Reise nach Cuba einen meiner groessten Traeume. Ich freue mich schon wahnsinnig drauf.
Wir sehen uns im September, Deutschland. Hoffentlich magst du mich noch. Und hoffentlich komm ich noch mit dir klar.
Mit einem lachenden und einem weinenden Auge... milan
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