Donnerstag, 10. Juni 2010

Jubiläum

Die hundert sind voll :)

Zur Feier des Tages möchte ich nur zwei kleine Beobachtungen beschreiben, die für mich die wohl schönsten und beeindruckendsten meiner Zeit in Brasilien sind:

1. Ich bin so ziemlich farbenblind für Menschen geworden. Man kennt das: Wenn man in Deutschland einen Schwarzen auf der Straße sieht, fällt er einem auf. Man registriert den Unterschied im Aussehen. Ich habe mich immer daran gestört, dass es mir "auffiel", dass jemand eine andere Hautfarbe hat. Es ist umso schöner, zu merken, dass dieser Umstand Gewöhnungssache ist. Hier in Brasilien könnte ich euch von vielen meiner Freunden und Bekannten nicht genau die Hautfarbe sagen. Da gibt es so viele Abstufungen und die Gesichtszüge einer "weißen" oder "schwarzen" Person bedeuten nicht auch gleichzeitig die korrespondierende Hautfarbe. Es ist wirklich sehr, sehr angenehm, in einem Land zu leben, dass es mir ermöglicht, Hautfarbe und Rasse einfach nicht mehr wahrzunehmen. Ok, vielleicht nicht ganz: Deustche erkenne ich auf hundert Meter Entfernung hahahaha

2. Ich erinnere mich nicht mehr, welcher Wissenschaftler es gesagt hat, aber es gab einen Amerikaner, der den Unterschied von Brasilien zu den USA darin sah, dass es hierzulande einfach nicht die Menge an sozialen Barrieren gibt, die in den USA existieren. Man stelle sich den Extremfall der USA-Barriere als das altbekannte "GET OFF MY PROPERTEEEEYYYY!" vor, dass ein vorzugsweise älterer, weißer, reicher, dicker Mann in irgendeinem Hollywoodfilm einem "Trespasser" ins Gesicht schleudert. Protection of property, darin sind die Amis ganz groß. Und auch in Deutschland ist das im sozialen Leben ziemlich verankert, es gibt sehr viele unsichtbare Regeln, an die man sich zu halten hat, vorzugsweise hat jeder etwas für sich und teilen wird zwar mit Freude entgegengenommen, jedoch nicht für selbstverständlich gehalten.
Die Philosophie des Teilens ist nun hier in Südamerika eine ganz andere, es wird zwar auch nicht unbedingt erwartet, aber ständig angeboten. Wenn jemand sich zB das brasilianische Äquivalent zu einem Käsebrötchen kauft und sich damit in eine Runde Freunde stellt, wird er mit Sicherheit allen einen Bissen anbieten. Mein Lieblingsbeispiel ist das Biertrinken, da es konsequent aus 600ml Flaschen in kleine Gläser geschüttet wird, und man sich auf diese Weise jedes Bier teilt. In Deutschland weiß ich nach dem Barbesuch, wie viel Bier ich getrunken habe (Zwei Flaschen = 1 Liter), hier habe ich nie eine Ahnung.
Nun ist es wichtig zu verstehen, dass diese Art von Teilen sich auch auf räumliche und soziale Bereiche ausbreitet. Das bedeutet, dass mein Zimmer eben nicht so zwingend "mein" Zimmer ist wie in Deutschland, dass "meine" Zeit fürs studieren sich schnell auch mal in "unsere" Zeit für Smalltalk verwandeln kann, dass überall Interesse gezeigt wird am "anderen" und dass stets Bereitschaft signalisiert wird, diesen "anderen" auch am "eigenen" teilhaben zu lassen, was eben bedeutet, dass es diese solitäre Eigenschaft aufgibt und zu einem "unseren" wird. War das verständlich?
Was ich mit dieser Erklärung einleiten wollte, ist einfach nur die Erklärung, dass ich in meiner Zeit in Südamerika viel über mich und meine sozialen "Barrieren" gelernt habe, teilweise erkennen musste, wie verschlossen ich doch im Vergleich zu den Brasilianern noch war, und dementsprechend angefangen habe, mich mehr zu öffnen und zu versuchen, mehr von "meiner" Zeit zu "unserer" Zeit werden zu lassen. Das bedeutet eben, spontane Einladungen zu einem Bier anzunehmen, auch wenn man eigentlich sich mit dem Gedanken angefreundet hatte, nach hause zu gehen und einen Film zu gucken. Es bedeutet, sich auf längere Gespräche mit unbekannten personen einzulassen, auch das mit einschließt, noch zehn Minuten länger im Hausflur stehen zu bleiben, obwohl man völlig fertig von der Uni nach einem langen Tag nach hause kommt. Und es bedeutet, seine Musik leiser zu drehen, um zu hören wann der Mitbewohner nach hause kommt, damit man sich ein wenig zu ihm an den Tisch setzen und quatschen kann. Es bedeutet, all diese Dinge genießen zu lernen.

Ich finde diese zweite der beiden Erfahrungen äußerst interessant, da sie mir viel über mein Wesen verrät. Ich bin mir bewusst, dass viele meiner Freunde in dieser Hinsicht schon längst so sind, auch in Deutschland, ich persönlich habe immer mehr Probleme gehabt, wenn es darum ging, "meine" Zeit an andere abzutreten. Ich denke da zB an meine endlosen Stunden allein in meinem Zimmer, egal ob bei meinen Eltern oder später in WGs. Und das, obwohl ich mich gerne selbst als sehr offenen Menschen sehe und bezeichne. Aber meine "Offenheit" bezieht sich halt auf andere Bereiche. Ich bin jedenfalls glücklich, in dieser Hinsicht dazuzulernen und ein Stück glücklicher zu werden (ja, NOCH glücklicher! :) )

UNd ganz vielleicht lassen sich diese Sachen ja aufrecht erhalten, teilweise, wenn ich zurück im kalten Europa bin.

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